Geringes Selbstwertgefühl bei jungen Erwachsenen ist eines der am häufigsten unterschätzten Probleme unserer Zeit – und gleichzeitig eines der schmerzhaftesten. Wer als Großmutter beobachtet, wie der eigene Enkel im besten Alter des Lebens zögert, zweifelt und sich innerlich kleiner macht, als er ist, spürt eine tiefe Ohnmacht. Man möchte helfen, aber man hat Angst, das Falsche zu sagen. Man möchte da sein, aber nicht aufdringlich wirken. Dieses Gleichgewicht zu finden ist vielleicht eine der anspruchsvollsten emotionalen Aufgaben in einer Großeltern-Enkel-Beziehung.
Wenn Zweifel lauter werden als die eigene Stimme
Ein junger Mann Ende zwanzig, nennen wir ihn Leon, ruft seine Oma kaum noch an. Nicht weil er sie nicht liebt, sondern weil er das Gefühl hat, nichts Gutes berichten zu können. Seine Kommilitonen scheinen alle weiter zu sein. Einer hat schon einen Job in einem Startup, eine andere hat ihr Studium in Rekordzeit abgeschlossen. Leon selbst hängt fest – zumindest glaubt er das. Er meidet Bewerbungen, weil er sicher ist, abgelehnt zu werden. Er meldet sich nicht zu Wort, weil er fürchtet, dumm zu klingen.
Seine Oma merkt das. Sie sieht, wie er beim Familienessen die Augen niederschlägt, wenn jemand fragt, was er so macht. Sie kennt diesen Blick – und er bricht ihr das Herz. Aber was soll sie tun? Ihn ansprechen? Und wie, ohne dass er sich bloßgestellt fühlt?
Warum Großeltern eine besondere Rolle spielen können
Großeltern haben gegenüber Eltern einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen nicht erziehen. Diese Freiheit ist kostbarer als sie klingt. Junge Erwachsene mit niedrigem Selbstwertgefühl reagieren oft empfindlich auf gut gemeinte Ratschläge von Eltern, weil diese – unbewusst – mit Erwartungen verbunden sind. Die Oma hingegen steht außerhalb dieser Dynamik. Sie kann zuhören, ohne zu bewerten. Und genau das ist der Anfang von allem.
Forschungen im Bereich der Entwicklungspsychologie zeigen, dass enge Beziehungen zu Großeltern das emotionale Wohlbefinden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen signifikant verbessern können. Besonders dann, wenn diese Beziehung als sicherer Hafen erlebt wird – ein Ort, an dem man nicht performen muss.
Was wirklich hilft – und was schadet
Der erste Impuls vieler Großmütter in dieser Situation ist, aufzumuntern: „Du bist so klug!“, „Das schaffst du doch!“, „Mach dir keine Sorgen.“ Diese Sätze klingen liebevoll, aber für jemanden mit echtem Selbstzweifel wirken sie oft wie ein Widerspruch zu dem, was er innerlich fühlt. Das Ergebnis: Er fühlt sich noch weniger verstanden.
Viel wirkungsvoller ist aktives Zuhören ohne sofortige Bewertung. Das bedeutet: nachfragen, aber nicht drängen. Interesse zeigen, aber nicht analysieren. Ein einfacher Satz wie „Ich merk, dass du gerade viel um die Ohren hast – wie geht es dir wirklich?“ kann mehr öffnen als jeder Ratschlag.

Es gibt einige Verhaltensweisen, die Großeltern unbedingt vermeiden sollten:
- Vergleiche mit der eigenen Jugend oder mit anderen Enkeln ziehen
- Probleme herunterspielen oder mit Sätzen wie „früher war das noch viel schwerer“ relativieren
- Lösungen anbieten, bevor der Enkel überhaupt fertig geredet hat
- Über das Gespräch mit anderen Familienmitgliedern sprechen – das zerstört Vertrauen
Kleine Gesten, die mehr bewegen als große Worte
Manchmal ist es nicht das Gespräch, das hilft, sondern das gemeinsame Tun. Eine Oma, die ihren Enkel bittet, ihr beim Einrichten des neuen Tablets zu helfen, tut mehr als es scheint: Sie signalisiert ihm, dass sie seine Fähigkeiten braucht. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist eines der wirkungsvollsten Gegenmittel gegen geringes Selbstwertgefühl.
Auch das gemeinsame Kochen eines alten Familienrezepts, ein Spaziergang ohne Smartphone oder das Blättern in alten Fotoalben können Räume schaffen, in denen sich ein junger Mensch sicher genug fühlt, um sich zu öffnen. Nicht weil die Oma eine Therapeutin spielt, sondern weil sie einfach da ist – ohne Agenda, ohne Erwartungen.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Es gibt Momente, in denen die Unterstützung einer Großmutter – so wertvoll sie ist – nicht ausreicht. Wenn das geringe Selbstwertgefühl mit sozialer Isolation, anhaltender Traurigkeit oder dem vollständigen Rückzug aus dem Leben einhergeht, ist psychologische Begleitung keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke. Eine Oma kann dabei eine entscheidende Rolle spielen: nicht indem sie die Therapie empfiehlt wie eine Pflicht, sondern indem sie das Thema entstigmatisiert – zum Beispiel mit Sätzen wie „Ich kenne jemanden, dem das sehr geholfen hat“ oder „Ich hätte mir das damals auch gewünscht.“
Manchmal ist es der Weg über die Großmutter, der den entscheidenden Anstoß gibt. Weil sie nicht Mutter ist. Weil sie nicht urteilt. Weil sie liebt, ohne Bedingungen zu stellen. Und genau das – diese bedingungslose Präsenz – ist das Stärkste, was sie ihrem Enkel geben kann.
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